Russische Propaganda oder Russlandhetze?

Wie der „Informationskrieg“ das Zusammenleben in Deutschland verändert und weitere spannende Einblicke in das gleichnamige Seminar Anfang Februar

PROPAGANDA - viel Lärm um nichts?

„Ich lese viele deutsche und russische Medien und ich weiß, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt. Trotzdem ist es sehr schwer, niemand ist Putin gegenüber gleichgültig. Wir kommen aus der Ukraine oder aus Russland, leben hier zusammen und versuchen uns neutral und zivilisiert zu verhalten. Aber der Riss sitzt tief und geht auch durch unsere Familien“, so ein bewegender Diskussionsbeitrag.

„Sie lesen doch nur Ihre deutschen Medien und haben ja gar keine Ahnung!“ Das etwa hören oft jene, die mit Jugendlichen arbeiten und nach dem Seminar nun einige interessante Internetseiten kennen, die ihnen doch so manchen Einblick verschaffen! Mit Moritz Gathmann, freier Journalist und Moderator beim russischsprachigen TV-Sender RTVD in Berlin wurde dem Einfluss russischsprachiger Stimmen und russischer Propaganda in Medien und sozialen Netzwerken nachgegangen.

Moritz Gathmann, freier Journalist und Moderator
Moritz Gathmann, freier Journalist und Moderator

Nach den Ausführungen wurde klar: Es gibt Fake-News, es gibt gezielte und weniger zielgerichtete Bestrebungen und kritische Wachsamkeit ist unerlässlich. Doch gilt auch der Satz des russischen Fake-Spezialisten Alexej Kowaljow: „Es lesen mehr Menschen Berichte über die Gefahren der russischen Propaganda als diese Propaganda selbst.“

Aber der Reihe nach: Zunächst vermittelte dieses Seminar mit Edgar Born, Aussiedlerbeauftragter der EKvW, sehr gute Rück- und Einblicke in unterschiedliche Etappen der Zuwanderung von russischsprachigen Menschen nach Deutschland, in Identitäten und Identitätsstrategien verschiedener Generationen und Fragen der Integration. Was bedeutet „Heimat“ eigentlich für Menschen unterschiedlicher kultureller Herkünfte? Und was wird – unbewusst – wachgerufen, auch wenn die Aus- oder Übersiedlung schon lange her ist, heute aber andere Migrant/innen und Flüchtlingsgruppen nach Deutschland kommen? „Und wir dachten, sie sind gut integriert“ war ein gut gewählter Vortragstitel von Edgar Born, der viele wichtige Erkenntnisse lieferte. Erweitert wurde dies durch Erfahrungsberichte von Vertreter/innen der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland und Mitgliedern des Jüdischen Gemeinde- und Kulturzentrums Shalom Europa in Würzburg.

Doch die Thematik fordert auch den Blick nach vorne: Das „Einwurzeln“ in neue gesellschaftliche Zusammenhänge ist eine enorme geistige Leistung. Wie können wir, die sog. Mehrheitsgesellschaft, dies wertschätzen? Wie können wir die vielen ungenutzten Potentiale in unserer Gesellschaft zur Geltung bringen?

Und wieder zurück zum zweiten Seminarthemenblock: Natürlich war und ist es ebenfalls wichtig, das politische Verhältnis zu Russland seit Ende des Ost-West-Konfliktes zu analysieren und kritisch zu bewerten: Wie kamen wir eigentlich zu dem Punkt, an dem wir heute stehen? Denn wer Putins Rede vor dem Deutschen Bundestag aus dem Jahre 2001 hört, wird sich wundern, was aus dem „europäischen Haus“ wurde. 2017 könnte wohl als Entscheidungsjahr in die Geschichte eingehen, so Gathmann.

„Die beiden thematischen Schwerpunkte waren sehr gut gewählt und haben Menschen unterschiedlicher Interessen zusammengebracht, die sich sonst eventuell gar nicht getroffen hätten“, so eine Rückmeldung, die einen ganz besonderen Gewinn dieses Seminars sehr treffend beschreibt: Viele Teilnehmende verfügen über eigene Migrationserfahrung und sind heute oftmals selbst in der Migrationsarbeit engagiert. Die anderen kamen primär aus Interesse an außen- und sicherheitspolitischen Fragestellungen und waren sehr angetan von den vielen interessanten Beiträgen, die ihnen Einsichten in die Erfahrungswelten der Gruppe der Deutschen aus Russland vermittelten.

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