Neue Energien – Alte Probleme?

Neue Energien – Alte Probleme?

Schon in der Vorstellungsrunde zeigten sich die unterschiedlichen persönlichen und beruflichen Motivationen der Teilnehmer_innen: „Mein ökologischer Fußabdruck ist noch zu groß und das möchte ich ändern!“; "Boomende Wirtschaft und Klimaziele – Wie kann man das unter einen Hut bringen?"; "Wieso muss man Stromleitungen von der Nordsee bis nach Bayern verlegen? Gibt es da keine besseren Möglichkeiten?"

In der Einführung von Referent Nils Wegner, wissenschaftlicher Referent der Stiftung Umweltenergierecht, wurde die Komplexität des Themas Energiewende klar: Nicht nur der Strom, auch Wärme und Mobilität sind Bestandteil der Energiewende. Während bei der Stromversorgung und im Wohnungsbau Veränderungen schon deutlich wahrnehmbar sind, besteht in Deutschland bei Mobilität und Logistik mit PKW, LKW und Flugzeugen noch immer eine starke Abhängigkeit von fossilen Kraftstoffen. Auch Fragen der Nachhaltigkeit, des Klima- und Naturschutzes und der sozialen Gerechtigkeit müssen bei der Energiewende Beachtung finden.

Ein weiteres großes Thema war die Einsparung von Energie und die Energieeffizienz. Nicht nur Unternehmen, auch die privaten Haushalte sind dazu angehalten, Energie einzusparen: Besonders deutlich wird dies bei den gesetzlichen Vorgaben zur Dämmung bei Hausbau oder –sanierung. „Wenn jeder bei sich selbst anfängt, ist schon viel getan!“, so die Meinung eines Teilnehmers. Ein Problem, das die Energieerzeugung mit Sonne und Wind mit sich bringt, ist die zeitweise Überlastung des Stromnetzes, wodurch ein Netzausbau nötig wird. Dass die Nord-Süd-Trassen bei den Betroffenen sehr umstritten sind, ist öffentlich bekannt. Allerdings ist eine Erdverkabelung vielfach teurer und die Langzeitrisiken sind nicht getestet. Die Kosten der Energiewende wurden vor allem mit Blick auf die soziale Gerechtigkeit thematisiert: Es ist heute so, dass alle Verbraucher_innen über die EEG-Umlage die Kosten mittragen, ausgenommen sind besonders stromkostenintensive Unternehmen. „Der Braunkohlestrom wird vom Steuerzahler subventioniert, aber auf der Stromrechnung sieht man nur die Kosten für die Erneuerbaren – da entsteht doch ein falscher Eindruck beim Verbraucher!“, ärgerte sich eine Teilnehmerin.

Im internationalen Kontext spielt die Energiewende vor allem im Klimaschutz eine Rolle. Wegner thematisierte insbesondere die Ergebnisse der Pariser Klimakonferenz 2015: Hier einigten sich die Staaten auf das „well below 2°C“-Ziel: Das Klima soll sich nicht mehr als zwei Grad Celsius, verglichen mit der vorindustriellen Zeit, erwärmen. Maßnahmen hierfür setzen sich die Staaten selbst. Was nach nicht viel klingt, wird international als große Errungenschaft wahrgenommen, gerade weil es so schwer ist, sich multilateral zu einigen.

Besonders interessant fand die Gruppe die Gastbeiträge von Dr. Barthel (BUND) und Prof. Meyfahrt (Bürgerenergiegenossenschaft Kassel & Söhre e.G.): Barthel stellte fest, dass der innerökologische Konflikt zwischen Natur- und Klimaschutz häufig drastischer dargestellt wird, als er ist. Der BUND befürwortet Windkraftanlagen und Photovoltaik. Meyfahrt stellte die Bürgerenergiegenossenschaft Kassel & Söhre e.G. vor, in der er Mitglied ist: Investiert wird in lokale bzw. regionale EE-Projekte. Die Genossenschaftsmitglieder sind nicht nur in Entscheidungsprozesse eingebunden, sondern erhalten auch einen Anteil am Gewinn – dadurch steigt die Akzeptanz für Projekte enorm. Eine Exkursion führte die Seminargruppe in das Heizkraftwerk Würzburg.

Das Highlight der Woche: Nach einigen Tagen mit theoretischem Input konnten die Teilnehmenden bei der Durchführung eines Planspiels die Komplexität der Energiewende selbst erfahren: Bei der Frage, ob in einer fiktiven Gemeinde ein Windpark gebaut werden soll, nahmen die Teilnehmer_innen verschiedene Rollen ein und mussten in einer Bürgerversammlung die jeweiligen Interessen vertreten. Vor allem der Gemeinderat und der Bürgermeister standen vor der schwierigen Aufgabe, Kompromisse zu finden, die alle Interessen berücksichtigen. Auch die Frage nach der finanziellen Beteiligung der Bürger_innen oder der Gemeinde war ausschlaggebend für die Meinungsbildung der Teilnehmenden. Die Einnahme neuer Perspektiven wirkte oft verständnisfördernd – nicht zuletzt für die Arbeit von kommunalen Entscheidungsträger_innen.

Das Fazit der Woche: Die Energiewende ist komplexer als von vielen Seminarteilnehmenden angenommen – unzählige verschiedene Interessen müssen berücksichtigt werden. Andererseits muss es viel schneller vorangehen, will man die Klimaziele von Paris einhalten. Es bleibt spannend, in welche Richtung die nächste Regierung gehen wird, doch auch jeder und jede Einzelne hat die Möglichkeit, mit bewussten Konsumentscheidungen oder bürgerschaftlichem Engagement einen Beitrag zur Energiewende zu leisten.

(Katharine Jessberger, Politologin/BA, Praktikantin in der Akademie Frankenwarte)

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